Die Amygdala - irgendwas mit Emotion?!

Die Amygdala – irgendwas mit Emotion?!

Der Begriff “limbisches System” hat sich ja mittlerweile auch außerhalb der Neurowissenschaften etabiert und beschreibt, wie andernorts bereits erwähnt, eine Reihe von Strukturen, die der menschlichen Emotions- und Motivationswelt zugrunde liegen. Nachdem mein letzter Beitrag über den Nuccleus Accumbens eine Struktur beschrieb, die vor allem mit positiven Emotionen in Zusammenhang gebracht wird, drehe ich dieses mal das Vorzeichen um.

Heute geht es um die Amygdala. Eine Struktur, von der man anfangs dachte, sie wäre der Sitz der menschlichen Angst.

Die anatomische Lage der Amygdala

Wie schon erwähnt ist die Amygdala, aufrgund ihrer Form auch manchmal Mandelkern genannt, Teil des limbischen Systems. Sie liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hippocampus, einer für Gedächtnisprozesse wichtigen Struktur, unterhalb der Großhirnrinde.

Anatomie Amygdala

ungefähre anatomische Lage der Amygdala

Im Artikelbild oben ist die rechte Amygdala markiert – aber selbstverständlich ist auch die Amygdala eine Struktur, die in beiden Hemisphären vorkommt.

Will man sich die Lage der Amygdala im Gehirn vorstellen, ist es am besten sich eine Linie zwischen den beiden Ohren zu denken und im rechten Winkel dazu eine Linie zu den Augen. Dort, wo sich die Linien schneiden, ist der Sitz der Amygdalae (= Mehrzahl).

Angstkonditionierung: Bühne frei für die Amygdala

Wenn man als Neurowissenschaftler an die Amygdala denkt, fällt einem als erstes Furchtkonditionierung, und in diesem Zusammenhang der Name Joseph LeDoux ein. Joe LeDoux, Professor an der New York University, hat große Teile seiner wissenschaftlichen Karriere damit verbracht die neuronalen Grundlagen von Angst zu untersuchen, indem er neutrale Stimuli (z.B. einen Signalton) mit aversiven Reizen (z.B. einem Elektroschock) paarte. Normalerweise führt eine solche klassische Konditionierung dazu, dass Furchtverhalten wie die Angststarre (engl.: freezing) in der Folge auch dann zu beobachten ist, wenn die Ratte nur den Signalton hört oder in die Umgebung gebracht wurde, in der das Konditionierungsexperiment stattfand. Wird allerdings eine Lesion in der Amygdala herbeigeführt, wird auch der Konditionierungsprozess beschädigt. Die Ratte lernt dann nicht mehr den Signalton (oder die Umgebung) mit dem Elektroschock zu assoziieren (z.B. Phillips & LeDoux, 1992).

Experimente zur Angstkonditionierung wurden hundertfach durchgeführt und belegen eindeutig die Wichtigkeit der Amygdala beim Erlernen und Erleben von Angst. Hierzu eine kurze Videoerklärung von Joe LeDoux selbst, welche ich bei meinen Recherchen für diesen Beitrag auf bigthink.com gefunden habe:

Mehr als nur Angst… auch Freude

Nachdem sich der Status der Amygdala als “Angstzentrum” weitgehend etabliert hatte, dauerte es nicht sehr lange, ehe erste Forschungsarbeiten Zweifel anmeldeten. Die Amygdala, so der Tenor, sei nicht nur für Angst zuständig, sondern durchaus auch bei positiven Emotionen aktiv. Eine relativ neue fMRT Studie von Stefan Kölsch und Kollegen (2013) zeigt beispielsweise, dass fröhliche Musik zu verstärkter bilateraler (= beidseitiger) Amygdala Aktivität führte. Furchteinflößende Musik hingegen reduzierte die Amygdala Aktivität im Vergleich zu neutralen Musikstücken.

Studien wie diese haben dazu geführt, dass sich das Verständnis der Amygdala zumindest unter Emotionsforschern gewandelt hat. In ihrem Übersichtsartikel kommen beispielsweise Pessoa und Adolphs (2010) zu folgendem Schluss:

we propose that the primary role of the amygdala in visual processing [...] is to coordinate the function of cortical networks during evaluation of the biological significance of affective visual stimuli.

Zudem verweisen sie darauf, dass wir, wenn wir von der Amygdala sprechen, eigentlich nicht von einem einizigen Kern, sondern von einer komplexen Sturktur reden, deren Teilbereiche durchaus unterschiedliche Funktionen haben kann.

In der Neuroökonomie, in der es um die Erforschung von Entscheidungsverhalten geht und der die Amgydala als eine von mehreren Strukturen des limbischen Systems identifiziert wurde, die einen starken Einfluss  auf unsere Präferenzen hat, wird Amygdalaaktivität gern als Anzeichen für negative Emotionen im Zusammenhang mit einer (Kauf-)Entscheidung interpretiert. Dies ist, nach allem was wir wissen, ein falscher Rückschluss (engl.: reverse inference). Die Amygdala macht wesentlich mehr, als nur negative Emotionen zu verarbeiten.

Man muss aber ehrlicher Weise zugeben: Was genau die Amygdala macht, wissen wir (bis heute) nicht.

Zusammenfassung: Das Wichtigste in 50 Wörtern

Wie die Überschrift schon sagt, die Amygdala macht… irgendetwas mit Emotion. Diese kleine, vielschichtige Struktur wird häufig mit Angst und Furchtkonditionierung in Verbindung gebracht – ist allerdings nachweislich auch am Erleben positiver Emotionen beteiligt. Wahrscheinlich zeigt Amygdalaaktivität biologische Relevanz an. Aber – ganz ehrlich – wir wissen es nicht genau.

Referenzen

Kölsch, S., Skouras, S., Fritz, T., Herrera, P., Bonhage, C., Küssner, M. B. & Jacobs, A. M. (2013). The roles of superficial amygdala and auditory cortex in music-evoked fear and joy. NeuroImage, 81, 49-60. (download von dieser möglich)

Pessoa, L. & Adolphs, R. (2010). Emotion processing and the amygdala: from a ‘low road’ to ‘many roads’ of evaluating biological significance. Nature Reviews Neuroscience, 11, 773-783.

Phillips, R. G. & LeDoux, J. E. (1992). Differential contribution of amygdala and hippocampus to cued and contextual fear conditioning. Behavioral Neuroscience, 106(2), 274-285.